Bewegender Vortrag im Postsaal Eichendorf: Erika Schamberger macht nach dem Verlust ihrer Tochter auf eine oft unterschätzte Gefahr aufmerksam

So still wie am Montagabend war es im Postsaal wohl selten. Besonders bewegend wurde es, als Erika Schamberger zu Beginn der Veranstaltung das Wort ergriff. Am 16. Februar verlor sie ihre Tochter Sofia durch eine genetisch bedingte Herzerkrankung. Ein Schicksalsschlag, der nicht nur die Familie, sondern auch viele Menschen in der Gemeinde Eichendorf tief erschütterte. Die Familie ist in der Marktgemeinde zuhause.

Aus diesem unermesslichen Verlust heraus entstand bei Erika Schamberger der Wunsch, andere Familien auf die Gefahren unerkannter Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufmerksam zu machen. Bei ihren Recherchen im Internet stieß sie auf die Nicolas-May-Stiftung und deren Engagement für die Früherkennung und Vorsorge bei Kindern und Jugendlichen. Sie nahm Kontakt auf und setzte sich dafür ein, dass dieses wichtige Thema auch in Eichendorf Gehör findet. So kam der Vortragsabend am Montag, 2. November, im Postsaal zustande.

Mit Prof. Dr. Nikolaus Haas, Leiter der Kinderkardiologie und Pädiatrischen Intensivmedizin am LMU Klinikum München-Großhadern, sowie Manfred May, Gründer der Nicolas-May-Stiftung, standen zwei ausgewiesene Experten und engagierte Kämpfer für die Herzgesundheit junger Menschen Rede und Antwort.

Unter den zahlreichen Zuhörern waren auch Bürgermeister Josef Beham, die zweite Bürgermeisterin Eva-Maria Müller sowie das Team der Helfer vor Ort (HVO). Besonders viele Eltern waren gekommen, um sich über mögliche Gefahren, Warnsignale und die Bedeutung einer rechtzeitigen Untersuchung zu informieren.

Manfred May berichtete von seinem eigenen Schicksal. Im Januar 2022 verlor er seinen damals 14-jährigen Sohn Nicolas völlig unerwartet durch einen plötzlichen Herztod. Auch bei ihm gab es zuvor keine eindeutigen Anzeichen, die auf eine lebensbedrohliche Herzerkrankung hingedeutet hätten. Gemeinsam mit Prof. Dr. Nikolaus Haas entstand aus diesem Verlust heraus die Nicolas-May-Stiftung. Für Manfred May ist die Arbeit der Stiftung zu einer neuen Aufgabe und Kraftquelle geworden. Anderen Familien zu helfen und möglicherweise zu verhindern, dass Eltern ein ähnliches Schicksal erleben müssen, gibt ihm die Kraft, weiterzumachen.

Die Stiftung setzt sich seit 2023 für die Aufklärung, Prävention und Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter ein. Sie unterstützt und finanziert Forschungsprojekte und arbeitet dabei eng mit der Kinderkardiologie des LMU Klinikums zusammen. Zu den Unterstützern und Schirmherren zählen unter anderem der Schauspieler Max von Thun, der die Schirmherrschaft für das Projekt „Hand aufs Herz“ übernommen hat, sowie Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach, die seit 2025 Schirmherrin der Stiftung ist.

Prof. Dr. Nikolaus Haas erklärte anschaulich, was unter einem plötzlichen Herztod zu verstehen ist. Dabei kommt es meist durch eine schwere Störung der elektrischen Herzfunktion zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen. Das Herz kann seine Pumpfunktion nicht mehr aufrechterhalten. Es kommt zum Herz-Kreislauf-Stillstand. Ohne sofortige Wiederbelebungsmaßnahmen und schnelle medizinische Hilfe kann dies innerhalb kürzester Zeit tödlich enden.

Besonders erschreckend: Ein plötzlicher Herztod betrifft keineswegs ausschließlich ältere Menschen. Zwar ist der überwiegende Teil der Betroffenen höheren Alters, doch auch junge und vermeintlich gesunde Menschen können betroffen sein. Nach den im Vortrag genannten Zahlen sterben in Deutschland jährlich rund 65.000 Menschen am plötzlichen Herztod. Etwa 15 Prozent davon sind junge Menschen. Täglich sind es ein bis zwei Jugendliche, die ihr Leben auf diese Weise verlieren.

Haas machte deutlich, dass die Ursachen oftmals lange unentdeckt bleiben. Gerade bei Kindern und Jugendlichen können angeborene oder genetisch bedingte Herzfehler und Herzrhythmusstörungen vorhanden sein, ohne dass sich im Alltag erkennbare Beschwerden zeigen.

Daneben spielen auch erworbene Risikofaktoren eine wichtige Rolle. Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen, Diabetes und Bluthochdruck können die Herz-Kreislauf-Gesundheit bereits in jungen Jahren beeinträchtigen. Auch Drogenkonsum und Energydrinks seien nicht zu unterschätzen. Einen besonderen Hinweis gab der Kinderkardiologe auch mit Blick auf sportlich aktive Jugendliche: Nach einer Erkältung sollte man dem Körper ausreichend Zeit zur Erholung geben und keinesfalls zu früh wieder mit intensivem Sport beginnen. Insbesondere eine nicht auskurierte Virusinfektion kann den Herzmuskel angreifen und im schlimmsten Fall eine Herzmuskelentzündung verursachen.

Ein besonderer Schwerpunkt des Abends lag auf dem Präventionsprojekt „Hand aufs Herz“, das die Nicolas-May-Stiftung gemeinsam mit der Kinderkardiologie des LMU Klinikums ins Leben gerufen hat.

Das Ziel ist klar: Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sollen möglichst früh erkannt werden, bevor sie zu einer ernsthaften Gefahr werden. Dafür werden Schülerinnen und Schüler im Rahmen einer wissenschaftlich begleiteten Untersuchung umfassend untersucht. Neben einem ausführlichen Fragebogen gehören unter anderem Blutdruckmessung, EKG, Herzultraschall und ein Belastungstest zum Programm. Auch weitere Gesundheits- und Fitnesswerte werden erfasst.

Die bisherigen Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, wie wichtig solche Untersuchungen sind. Wie im Vortrag berichtet wurde, zeigten sich bei rund 38 Prozent der untersuchten Kinder Auffälligkeiten. Vier Kinder mussten bereits operiert werden. Damit konnten Erkrankungen erkannt und behandelt werden, die ohne eine gezielte Untersuchung möglicherweise lange unentdeckt geblieben wären. In diesen Fällen hat die Vorsorge möglicherweise sogar Leben gerettet.

Bis zum Jahr 2029 sollen im Rahmen der Studie insgesamt 8.000 bis 10.000 Kinder und Jugendliche untersucht werden. Die dabei gewonnenen wissenschaftlichen Daten sollen belegen, wie sinnvoll und notwendig eine regelmäßige Herz-Kreislauf-Vorsorge bereits im Kindesalter ist.

Langfristig möchte man erreichen, dass eine solche Untersuchung fester Bestandteil der regulären Vorsorge wird und von den Krankenkassen übernommen wird. Auch regionale und wohnortnahe Angebote sollen in den kommenden Jahren weiterentwickelt werden, damit möglichst viele Kinder Zugang zu einer solchen Untersuchung erhalten.

Ein Anliegen zog sich wie ein roter Faden durch den gesamten Abend: Die Vorsorge darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Es brauche die Unterstützung der Politik und der Krankenkassen, um solche Untersuchungen flächendeckend und dauerhaft anbieten zu können.

„Kinder sind unsere Zukunft – daher muss die Politik in unsere Zukunft investieren“, lautete die eindringliche Botschaft des Abends. Es gehe darum, nicht erst dann zu handeln, wenn bereits etwas passiert ist, sondern rechtzeitig hinzusehen und mögliche Gefahren zu erkennen.

Auch die finanzielle Seite wurde angesprochen. Die Arbeit der Nicolas-May-Stiftung ist auf Spenden angewiesen. Eine Untersuchung eines Kindes kostet rund 200 Euro. Jeder Beitrag hilft deshalb, weitere Untersuchungen zu ermöglichen und die wissenschaftliche Arbeit voranzubringen.

Der Abend im Postsaal machte deutlich, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen keine Frage des Alters sind und Früherkennung Leben retten kann. Was für viele selbstverständlich erscheint, ein gesundes und kräftig schlagendes Herz, ist nicht immer selbstverständlich.

Für Erika Schamberger war es ein besonders schwerer Abend. Ihre Tochter Sofia kann durch keine Untersuchung zurückgebracht werden. Doch aus ihrem Verlust ist der Wunsch entstanden, andere Familien vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren. Dass sie mit ihrer Initiative eine so wichtige Veranstaltung nach Eichendorf holen konnte, ist ein Zeichen dafür, wie aus persönlichem Leid Engagement und Hoffnung für andere entstehen können.